Liebe Freunde des Museums für Moderne Kunst, Deutschland müsste im Umbruch sein. Der schon von Altbundespräsident Herzog angemahnte Ruck, der durch das Land gehen sollte, ist im Berliner Adlos stecken geblieben. Die neue Regier+++ J. Arens, Wiesbaden +++ 05. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ C. Arnold, Frankfurt-Dichterviertel +++ 29. März 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ K. Beißel, Frankfurt-Ginnheim +++ 05. Dezember 2001, Frankfurt-Rödelheim+++ C. Blank, Frankfurt-Ostend +++ 05. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ M. Blank, Frankfurt-Westend +++ 21. März 2002, Frankfurt-Bockenheim+++ K. Bossert, Frankfurt-Westend +++ 01. April 2002, Frankfurt-Westend+++ E. Braun, Offenbach +++ 31. März 2002, Offenbach+++ U. Braun, Offenbach +++ 31. März 2002, Offenbach+++ I. Bruchlos, Hamburg +++ 18. März 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ B. Bug, Wiesbaden +++ 05. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ P. Burrow, Frankfurt-Sachsenhausen+++ 20. Oktober 2001, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ A. Calmbach, Frankfurt-Ostend +++ 05. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ J. Dean, Schottland +++ 19. März 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ H. Dippel, Bad Soden-Neuenhain +++ 27. März 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ A. Dobmaier, Frankfurt-Gallus +++ Ende 2001, Frankfurt-Gallus+++ R. Dressler, Frankfurt-Nordend +++ 27. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ A. Eisenbeis, Offenbach +++ 01. Januar 2002, Frankfurt-Gutleut+++ S. Fay, Offenbach +++ 08. März 2002, Frankfurt-Galllus+++ H. Fischer, Frankfurt-Holzhausenviertel +++ 22. Februar 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ B. Frind, Neu-Anspach +++ 19. Februar 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ R. Fritz, Offenbach +++ 08. März 2002, Frankfurt-Galllus+++ K. Galbovy, Frankfurt-Bornheim +++ 16. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ W. Geyger, Köln-Junkersdorf +++ Ende 2001, Köln-Junkersdorf+++ J.-P. Grüner, Frankfurt-Innenstadt +++ 30. März 2002, Frankfurt-Eckenheim+++ K. Grumpe, Frankfurt-Sachsenhausen +++ 15. Dezember 2001, Frankfurt-Sachsenhausen+++ G. Hallmann, Berlin +++ 01. Januar 2002, Frankfurt-Gutleut+++ G. Hansen, Frankfurt-Holzhausenviertel +++ 30. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ H. Hartenfeller, Wetterau +++ 16. Februar 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ V. Harr, Ober-Wöllstadt +++ 14. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ M. Haun, Darmstadt +++ 17. Januar 2002, Frankfurt-Bockenheim+++ M. Heinz, Wohnort unbekannt +++ 20. Februar 2002, Frankfurt-Nordend+++ T. Hermann, Frankfurt-Gutleut +++ 22. September 2001, Frankfurt-Gutleut+++ F. Herrschaft, Frankfurt-Nordend +++ 21. März 2002, Frankfurt-Bahnshofsviertel+++ S. Heszling, Frankfurt-Sachsenhausen +++ 28. März 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ B. Hümmer, Frankfurt-Sachsenhausen +++ 05. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ P. Jacks, Frankfurt-Hausen +++ 21. März 2002, Frankfurt-Bahnshofsviertel+++ A. Jahn, Frankfurt-Bornheim +++ 24. Januar 2002, Frankfurt-Bornheim+++ O. Jansen, Offenbach +++ 20. Januar 2002, Offenbach+++ T. Julich, Frankfurt-Bornheim +++ 06. März 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ C. Klug, Frankfurt-Nordend +++ 05. März 2002, Frankfurt-Norden+++ R. Kössler, Frankfurt-Nordend +++ 16. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ I. Komljenovic, Frankfurt-Gallus +++ 07. März 2002, Frankfurt-Gallus+++ P. Kuper, Frankfurt-Holzhausenviertel +++ 23. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ C. Lamb, Offenbach +++ 20. Januar 2002, Offenbach+++ A. Lechner, Darmstadt +++ 28. Februar 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ H. Lesch, Wohnort unbekannt +++ 19. September 2001, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ H. Liebrecht, Frankfurt-Nordend +++ 28. März 2002, Frankfurt-Rödelheim+++ V. Liebrecht, London +++ 23. Dezember 2001, Frankfurt-Nordend+++ M. Morgenstern, Frankfurt-Nordend +++ 26. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ M. Müller, Düsseldorf +++ 20. Januar 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ C. Ness, Frankfurt-Bornheim +++ 01. April 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ S. Oberschelp, Oberursel +++ Anfang 2002, Frankfurt-Bockenheim+++ W. Ockert, Mannheim +++ 18. Februar 2002, Frankfurt-Bockenheim+++ C. Oetting, Frankfurt-Bornheim +++ 15. März 2002, Frankfurt-Bornheim+++ M. Oppermann, Frankfurt-Bornheim, 25. März 2002, Frankfurt-Nordend+++ M. Parssinen, Washington, D.C. +++ 19. Januar 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ A. Plumpe, Frankfurt-Heddernheim +++ 01. Dezember 2001, Frankfurt-Heddernheim+++ T. Püllen, Neu-Isenburg +++ 20. Februar, Neu-Isenburg+++ R. Quini, Washington, D.C. +++ 19. Januar 2002, Frankfurt-Holzhausenviertel+++ A. Renneis, Wohnort unbekannt +++ 31. Oktober 2001, Frankfurt-Ostend+++ J. Resch, Rosbach v.d.H. +++ 19. Februar 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ W. Resch, Rosbach v.d.H. +++ 11. Januar 2002, Friedrichsdorf+++ A. Roos, Offenbach +++ 20. Januar 2002, Offenbach++ R. Rothenbächer, Wohnort unbekannt +++ 20. Februar 2002, Frankfurt-Nordend+++ A. Schäpermeier, Frankfurt-Bornheim +++ 15. März 2002, Frankfurt-Bornheim+++ S. Schmittberger, Giessen +++ 14. März 2002, Frankfurt-Innenstadt+++ P. Schnell, Offenbach +++ 15. März 2002, Frankfurt-Messe+++ M. Schnieder, Frankfurt-Nordend +++ 20. Februar 2002, Frankfurt-Norden+++ S. Schumann, Bad Homburg, 30. März 2002, Frankfurt-Innenstad+++ S. von Seeler, Rodgau +++ 02. März 2002, Offenbac+++ Y. Skorupa, Frankfurt-Hausen +++ 05. März 2002, Frankfurt-Norden+++ T. Sportiello, Offenbach +++ 02. März 2002, Offenbac+++ W. Stegemann, Bad Vilbel +++ 22. März 2002, Frankfurt-Holzhausenvierte+++ P. Sturm, Wohnort unbekannt +++ 01. April 2002, Frankfurt-Westen+++ K. Treffer, Mörfelden-Walldorf +++ 17. Januar 2002, Frankfurt-Gallu+++ J.-C. Uhl, Offenbach +++ 25. März 2002 (?), Frankfurt-Rödelhei+++ S. Utzinger, Bad Homburg +++ 06. März 2002, Frankfurt-Rödelhei+++ A. Wäschle, Zürich +++ 01. Januar 2002, Frankfurt-Holzhausenvierteung ist die alte. Die notwendigen Lerneffekte sind offensichtlich ausgeblieben, die in den Haushalten entstandenen Löcher werden durch Steuer- und Abgabenerhöhung und höhere Verschuldung gestopft. Die Kontinuität bleibt gewahrt.[01.2003] Mr. Braan, seen by Anny Öztürk at dontmiss
Bemerkungen \ Notizen, Thesen, Meinungen, TatsachenArtefakte \ Elemente einer ausgewählten Teilmenge oder StichprobeZeichen \ Gesellschaftlich relevante Themen und TechnologienStreifzüge durch Frankfurt \ Recreaton \ Style \ Unerwarteter TodMoment \ Aufnahmen urbanen LebensSymptom[28.12.2002] Als ich eben just vom U-Bahn-Schacht ausgespien wurde, fiel mir ein fetter Jaguar neueren Datum ins Auge, der mit offenem Kofferraum auf dem Radweg stand. Drei Herren verrichteten hastige Bewegungen um einen dieser dreieckigen Wahlwerbungsaufsteller. Sie kloben natürlich Koch-Wahlwerbungsbilder auf. Flugs holte ich meine Kamera aus dem Rucksack, stellte selbigen ab und schoss auf den Mittelstreifen der Escherseheimer, um eine hübsche Bilderserie von der Situation zu schiessen. Die Herren stiegen bald wieder ein und fuhren weg. Ich ging meiner Wege, und prompt kreuzten diese abermals jene der armseligen Klebekolonne, und ich holte abermals den Fotoapparat aus meinem Beutel und komplettierte die Dokumentation des Vorgangs. Diesmal wurde ich von den Herren bemerkt. Der eine hielt sich die Hand vors Gesicht, ein anderer rief: "He, Sie! Sind Sie vom Stasi?", was von mir mit einem fröhlich über die Eschersheimer geschmetterten "Lügner, Lügner!" beantwortet wurde.[07.12.2002, Frankfurt-Innenstadt] Die Züge sind voll davon, insbesondere ab Römer und ab 22 Uhr: Gruppen angetrunkener, braver Bürger; gute Deutsche in disruptiv-zusammengerotteten Multipärchenkonstellationen und zumeist in dunkler Strickbündchen-Lederbekleidung; die Weiber kreischend: "Hier, am anderen Ende, sind wir!" oder "Müssen wir hier schon aussteigen?" "Nein, die nächste!"; die Herren der missratenen Schöpfung mit tiefen, zwanghaft-maskulinen Stimmen und balzender Brust irgendeine Müll singend und ALLE mit diesen albernen roten Weihnachtsmannmützen auf den entleerten und mit Glühwein aufgefüllten Schädeln.[15.11.2002] Ich stöbere gestern nichtsahnend im Antiquariat von Herrn Orban herum und Siehe! das erste Buch über die RAF, das mir in die Hände fällt, gehörte einmal Matthias Horx, gekennzeichnet durch seinen Namen in krakeliger Kinderschrift. Aber das ist ja auch kein Wunder. Irgendwo musste diese unsägliche Person ja ihr "Insiderwissen" über die linke Szene beziehen. Doch wo bezieht er all die "Geheimnisse", die er über das "Zukunftsinstitut" feilbietet? Bei heise.de?> ... ein Buch aus dem Jahre 1985 von Matthias Horx erworben, in dem> dieser mit den ganzen Verrätern an der Revolution, ... von denen er als> einziger übrig geblieben ist, abrechnet. ... [In der Liste> von Buchveröffentlichungen auf seiner Weppseite fehlt das bahnbrechende> Werk leider. Allerdings fehlt im Lebenslauf auch seine Zeit beim Journal[10.10.2002] Die Frankfurter S-Bahnen sind wieder eine Woche lang voller Buchhändler und Buchhändlerinnen. Buchhändler sind immer etwas schmuddelig. Sie neigen zu Körpergeruch. Nach einem langen, anstrengenden Messetag ist das nahezu unerträglich, und dieses unvermeidliche atavistisch-pseudoakademische Getue, wenn sie in Rudeln den Messestress in eine Art spontanen Spass an der Heimfahrt ins Hotel transformieren. Ein schmieriges Alphatierchen in einer Herde pickeliger Weibchen. Drei Gründe sind es, Buchhändler zu werden. Es hat nicht zum Schriftsteller gereicht. Es ist eine Buchhandlung zu erben. Auch mal Alphatierchen sein.[19.09.2002, S3 stadteinwärts, bis Hbf.] Die Blonde saugt die anderen beiden aus, obwohl ihr sich beim Sprechen in den Winkeln vorstülpende, ja sich devot kräuselnde Mundwerk permanent im Einsatz ist. Sie behält ihre Hände nicht bei sich, wirkt in Ihrer gestischen Unbeholfenheit kumpelhaft und distanzlos. Das Kinn schiebt sich immer wieder nach vorn, falsches wahres Interesse signalisierendend. Sie weiss gut bescheid, bescheinigt es durch anhaltende Äusserung von instinktiv diskursiv kalkulierten Unsicherheiten. Fragen? Beschäftigung. Einfallslos gekleidet und frisiert eben sportlich. Das letzte Aufbäumen der schwäbischen Jugendrevolte in Jeans, Sneakers und Outdoorjäckchen mit Wollschal. Eine Studentin von ausserhalb; eindeutig, die anderen auch-zugezogen, und man trifft sich in der Bahn, ohne sich zu kennen, doch als Ihresgelichen er-kennend, schnell ein paar Querverbindungen geschafft als unsicher sichernde Gesprächsgrundlage. Das Fremd-Sein verbindet in der blinden Erkundung der neuen Welt von Geld. Jenes Nicht-von-hier-Sein wird verkauft als eine Erfahrung, als Eintritt zum Betreten des Kontaktmarkts der konditionierten Berufswilligen. Doch ist das nur ein pränataler Heiratsmarkt. Wo ist der zukünftige Mann? Mein Ernährer? Immer zuerst das Potenzial anchecken, ob sich das Gespräch überhaupt rentiert, lernen wir schon früh. Der biedere Wohlstand einer Reihenhausillusion steckt noch in den kindischen Turnschuhen.[23.08.2002, U5 stadteinwärts, ab Versorgungsamt] Zwei Männer sitzen mir gegenüber. Der eine feist und glänzend, der andere in sich zusammengefallen, dennoch auch der linke, obwohl gepflegter im Äusseren, keineswegs von imposanter Gestalt. Kleinbürger, beides Brillenträger mit Kassengestellen. Eindeutig Lehrer, was sich mir in den aufgeschnappten Gesprächsfetzen bestätigt fand. Der linke hate ine fette, schwarze Aktentasche auf den Knien, trug ein helles Jeanshemd, einen Ehering. ...Dienstzimmer! ...", er hatte eine laute Stimme; es schien ihn nicht sonderlich zu stören, das ich meine geweckte Neugier sicherlich nur schwerlich verbergen konnte. Der andere war Alkoholiker. Gerötetes Gesicht mit feinen, dunklen Äderchen m die Nase, welche die Last dicker, schwerer Brillengläser zu tragen hatte. Um seinen eingefallenen Brustkorb spannte sich eine abgewetze, zugeknöpfte Jeansjacke, passend dazu die Hose. Er flüsterte, wie aus Angst, jemand könnte etwas von den Geheimnissen erhaschen, die er seinem Idol preiszugeben hatte. Ein zweifarbiger Vollbart verdeckte die weitesten Teile seines Gesichts und ich sah, er hatte die Hände eines alten Mannes. Er habe einen Kollegen, der führe in seinen Unterrichtseinheiten gern Kriminalromane; er fände es sehr bedenklich, offenbarten sich mir dennoch Fetzen einer hilflosen Denunziation. Immer schaute er aus den Augenwikeln zu mir herüber; ich war als potenzieller Mithörer verdächtig. Der andere verachtete mich offensichtlich, mich und alle anderen im Wagen "... ohne Intelligenz!"[15.08.2002] Vor ein, zwei Jahren war jedes dritte Erdenkind noch freelance Web-designer. Heute ist es wieder braver Angestellter in Irgendwas, hat aber plötzlich publizistische, oft gar schriftstellerische Ambitionen entwickelt und öffnet der vernetzten Welt ein Inneres, dessen tiefe Oberflächlichkeit sich in zeitgemäßem critique chique offenbart. Ich mein; Ich bin ja auch nicht besser. Wahrscheinlich sogar schlechter. Aber ändert das was an der Gesamtsituation?[06.08.2002, U1,2,3] "... vorangegangene Störung wir bitten um etwas Geduld!" Code für "Jemand musste sich leider gerade vor einen Zug schmeissen"[05.08.2002] Im Nordend steht ein kleines, altes Auto mit Offenbacher Kennzeichen. Unter dem Scheibenwischer klemmt ein kleines Tütchen mit dem Zettel der Polizei, der über bestimmte Mängel sowie die Fristen und Möglichkeiten deren Behebung Auskunft gibt. Regen ist in die Tüte gedrungen; kein Wort, das handschriftlich dem Formularkrams hinzugefügt sein musste, ist noch zu erkennen. Das Lenkrad ist mit einer dieser sperrigen Schliessmechanismen fixiert, mit denen der Deutsche an sich sein Liebstes vor frechem Diebstahl zu schützen versucht. Es scheint, als sei ein Mensch nach Frankfurt gereist, um einem möglicherweise gesellschaftlichen Ereignis beizuwohnen. Vielleicht hat er dort Alkohol getrunken und ein Restfunken an Vernunft brachte ihn auf den Gedanken, sein rollendes Hab und Gut gut gesichert im Nordend verweilen zu lassen; vielleicht brauchte er seinen fahrbaren Untersatz auch nicht unbedingt zur Bewältigung seiner Alltagspflicht und er beschloss, ihn irgendwann zu holen, was er immer wieder aus irgendwelchen Gründen hinausgeschoben haben konnte, und irgendwann mochte er unerwartet gestoben sein. Niemand aus dem pietätvoll-logistischen Feld der Nachlassverteilung kann wissen, wo das kleine Auto mit Offenbacher Kennzeichen sich noch befindet. Ich weiss es. Sonst weiss ich nichts.[30.07.2002] Erster beim Mieterschutzverein. Noch 24 Minuten bis Öffnung des Wartezimmers. Dann weitere 30 Minuten warten, warten. Eine alte Frau mit einem bösen Gesicht und hartem Blick müht sich, auf eine Krücke gestützt, das Geländer empor. Rücken schmerzt. Zweites Mal bewusst die Linksabbieger aus dem Marbachweg (stadteinwärts) wahrgenommen. Wie winzig die Strassenbah wirkt; mit den Jahren scheint sich der Gesichtskreis zu weiten, zumindest die inhaltliche Fokussierung relativiert sich. Die Gesamtheit der sichtbaren Tatsachen scheint das Bild zu bestimmen und nicht mehr der Bildmittelpunkt. Ich weiss nicht, wen ich weniger sehen mag. Die Elsner in der Bunten (eine Frau, die nachweislich niemals alt werden wird, also NOCH älter) oder den hässlichen Frosch mit seiner Krücke, der sich stumm und von demonstrativer, ja aggressiver Hilflosigkeit vorgedrängelt und sich jetzt, seitlich versetzt, frontal mir gegenüber aufgepflanzt hat. Na, dann doch lieber die Blonde, an der die Spuren, die das Leben in ihr Gesicht gezeichnet hat, dennoch keinerlei Rückschlüsse auf ihr Lebensalter zulassen der alte Frosch wurde nun zum Zertreten abgeholt.[10.06.2002] Im Bummelzug, der ab Rödelheim von 18:02 Uhr an in Richtung Frankfurt-Hauptbahnhof bummelt, sitzt eine junge Frau, Business-Look, blättert in ihrem Filofax und diversen Papieren. Sie sitzt in Fahrtrichtung und blickt weder auf, noch zur Seite. Im Hauptbahnhof angekommen, setzt sie sich um, um abermals in Richtung der sich ankündigenden Rückfahrt in den Taunus in Fahrtrichtung zu sitzen, anstatt auszusteigen und den drohenden Termin zu meisten. [Nachtrag; 20.08.02] Gestern fielen mir in der gleichen Bahn gleich zwei Damen auf, die von Rödelheim richtung Frankfurt-Hauptbahnhof fuhren, lasen, und nicht im Kopfbahnhof angekommen ausstiegen, sondern wieder in die entgegengesetzte Richtung gereist sein müssen. Das wirft Fragen auf; wir werden der Sache nachgehen.[19.06.2002] An dieser Stelle prangere ich den Wahnsinn, der gerade die komplette Stadt lahmgelegt hat, einmal entschieden an. Zugegeben; die Taa-taaaa-ta-taa-tatataaa-taa-taa-Pseudo-Samba-Ballermann-Beklopptenscheisse aus dem hr3-Mobil, die nicht nur den Goetheplatz erschüttern macht, trifft wohl eher den Nerv der fleissigen Arbeitsbienen denn die zumindest vordergründig politisch angehauchten Klangfarben der anstehenden Nachttanzveranstaltung da kann man auch mal für eine halbe Stunde lang so tun, als sei man irre sportlich.[04.06.2002] Was Bourdieu vergessen hat, ist eindeutig der Habitus eines Bauarbeiters, in einem winzigen Moment nur an den Tag gelegt, nämlich wenn ein Lastwagen rangiert und eingewisen wird oder etwas angehoben und die Passanten "zu ihrem eigenen Schutz" am weiterkommen gehindert werden, und zwar IMMER so, dass sie einen Moment länger aufgehalten werden, als zu ihrem tatsächlichen und umfassenden Schutz notwendig gewesen wäre. Hier begegnet das Proletariat dem Amtmanne, sich in Sprache und Statur differenzierend, aber im konzentrierten Ausdruck ihrer Macht sehr ähnlich. "Mooaiije" statt "Morrrrgen" ist eine faszinierende Linguistik und auf bestimmte Schichten beschränkt; auch hierzu wäre es interessant, hinsichtlich ihrer Herkunft mehr zu erfahren. | Ich bin ehrlich gesagt etwas verwundert, dass Du es sogar schaffst, Bourdieu zu lesen, das Vokabular auch brav zu übernehmen, aber auch rein gar nichts zu lernen. Sobald es auf Fragen kommt, die mit Deinem eigenen gesellschaftlichen Verhalten zu tun haben (und nicht dem anderer, was ja Dein Spezialgebiet ist), dann begibst Du Dich auf ein analytisches Niveau, dass ungefaehr meinem in der 8. Klasse entspricht. [Eingabe, 21. März 2002; Kommafehler beseitigt] | Es gibt nichts schwierigeres im Umgang als das ambivalente Verhalten eines jungen Menschen, der sich im Rahmen seiner Identitäsbildung bestimmter idealisierter Werte verschrieben hat, insbesondere, wenn es sich dabei um Ergebnisse langwieriger historischer Prozesse handelt, deren Entstehung er auf Grund seiner Jugend nicht erleben konnte und deren Analyse, in Bezug auf das eigene Moralschema, auf dogmatisierende Art und Weise umgesetzt werden. | Die Welt besteht aus Gut und Böse, die guten Menschen vermehren sich lustvoll durch Blümchensex und das Verhalten der Bösen, die ihre Frauen fesseln oder schlagen, wird rassistisch aufgeladen und unter Heranziehen der eigenen Ideale und unter Auschluss von Kritik verteufelt. Das es Frauen gib, die geschlagen werden wollen, denen es ein Lustgewinn ist, die eigene Macht abzugeben, ist ein tabuisiertes Feld, allenfalls eine Lüge der Männer, begründet durch atavistische Tiebverirrungen. | Atavismus: Bezeichnung für das Wiederauftauchen von Eigenschaften oder Verhaltensweisen früherer Generationen einer Gesellschaft, Rückfall in frühmenschliche Verhaltensweisen und Vorstellungen. (Hillmann, Wörterbuch der Soziologie) | Atavistisch: ... (abwertend) in Gefühlen, Gedanken usw. einem früheren, primitiven Menschheitsstadium entsprechend. (Duden Fremdwörterbuch) | Zur Vertiefung empfehlen wir Alice Miller, Am Anfang war Erziehung, Suhrkamp 1983 | Den Beweis, dass das eigene System wahr ist, liefert die tautologische Erkenntnis der eigenen Intelligenz, die subjektiv und bereits im angenommenen Verhalten des anderen begründet über dessen intellektuelle und emotionale Entwicklung gestellt wird und auch Fragen nach den unterschiedlichen Lebenserfahrungen nicht zulässt.[16.05.2002] Oh, Du hättest Deine Freude daran gehabt, heute Nachmittag mit mir einen Café in Fressgassnähe zu trinken und mit mir die abgewrackten, gelangweilten Gebärmaschinen des Frankfurter Topmanagements beim Treffen [damit die Zeit schneller vergeht] mit ihren Freundinnen zu beobachten. Böse, böse waren meine Gedanken, und so konnte ich sie nur einem kleinen schwarzen Notizbuch anvertrauen, der heimlichen Solidarität des Personals, dass wohl sein Studium mit dem Bedienen der Abgebrühten zu finanzieren hat, gewiss und sichtlich meinen Intentionen beipflichtend, doch ohne dies nur im entferntesten erahnen zu können. [Manche Menschen haben noch nie in ihrem im Leben etwas gemacht haben, was mit dem Wert einer Informationsübertragung und/oder -bewahrung zu vergleichen ist. Jene, bei denen jedes noch so unbedeutende Accessoire zu schreien scheint: Schau mich an, sie, wie ich in das Gesamtbild eingepasst bin, und achte bitte nicht ganz so genau auf die Erscheinung der Person, der mich zur Ablenkung Deiner Blicke instrumentalisiert hat, als Ganzes. Einer unterschwelligen Scham können sich auch die meisten dieser Wesen nicht erwehren, denn blickt man unter den Putz, bleibt wenig Substanz.][27.03.2002] Der Ankündigung von Bildern mehrerer ortsansässiger Fotografen, wobei ich hier den Akzent auf dem lokalen Bezug setzen möchte, folgt die zwanghaft-zwangsläufige Versammlung ihres stereotypen Umfelds, bei der die Bilder selbst in den Hintergrund zu rücken scheinen. Ein Besucher, der mit Lokalität und Gepflogenheiten nicht vertraut ist, könnte ob des daraus resultierenden Events und seiner faszinierender Eigendynamik vergessen, weswegen er ursprünglich gekommen war. Musik wird abgespielt, professionelle Hände bedienen Plattenspieler und Mischpult, Häpppchen und Getränke gereicht, man spricht, worüber zu sprechen erwartet wird, begrüßt den einen oder anderen flüchtigen Bekannten aus der schon allein durch die Tatsache, dass hier gerade diese Fotografen in ihrer austauschbaren Omnipotenz ihre Arbeiten präsentieren, um Architekten, Musiker und sonstige Kunst- und/oder Kulturschaffenden oder der unvermeidlichen, nach dem Geruch des kulturellen Mythos Suchenden erweiterten Klientel und lässt sich durch Habitus und Ambiente täuschen, dass ein Umfeld Frankfurter Fotografen sich auch zum großen Teil eben aus deren Kundschaft sowie der abgebildeten oder sich so gerne einmal ablichten lassenden Menschen zusammensetzt was leicht gemacht wird, da sich der kommerzialisierte Komplex kreativer Schaffensvielfalt in seiner äußeren Erscheinung wieder dem künstlerischen Ausdruck anzupassen scheint und sich nahezu symbiotisch mit diesem vermischt. Man sieht sich, um gesehen zu werden, und versichert sich im gleichen Zuge auch der Zugehörigkeit zu einer erstrebenswerten Allgemeinheit, in dem man sich in seiner Umgebung zu spiegeln versucht, rezeptiv und durch eine projektive, durch Zeichen des Wahrgenommenwerdens bestätigter Anerkennung in den Anderen. Dieses Bild allein mag einem unbelasteten Besucher genügen, wenn er sich nicht doch auf seine hartnäckige Suche nach der Ausstellung in der Ausstellung machen sollte, die in einem weiteren Raum stattfindet. Auch hier findet diese subkulturelle Quadratur des Kreises statt diesmal tatsichlich auch in einer Geometrie, in der, von oben betrachtet, jener Kreis, der von den plaudernden und als Kollektivsubjekt in sich gekehrten Ausstellungsteilnehmer (ich sage Teilnehmer, nicht Besucher) gebildet wird, das innere Rechteck, dass durch den notwendigen Abstand der imaginären Betrachter innerhalb des Raums gebildet würde, durchbricht und an seinen Scheitelpunkten, bar eines Respekts vor den präsentierten Objekten, die physische Begrenzung des äußeren Rechtecks zu berühren scheint, so dass es dem Besucher nahezu unmöglich ist, tatsächlich einen systematischen Galerierundgang zu machen. Die Bilder selbst stellen für das Ereignis allenfalls ein notwendiges konzeptionelles Beiwerk dar und versuchen in ihrer inhaltlichen Resignation auch gar nicht, über diesen Zweck hinauszugehen. Die maniriert-unterkühlte Ästhetik zeitgenössischer Werbefotografie zeigt sich hier abermals von ihrer belanglosesten Seite; Selbstzweck gewordenes Kunsthandwerk, in nachlässiger Arroganz arrangiert, das von seinem vordergründigen Zweck einer visuellen Umsetzung von Kommunikationszielen ebenso weit entfernt scheint wie vom künstlerischen Anspruch, der ihr naturgemäß und zweckgebunden zugeschrieben wird. Es bleibt eine Unschärfe, bilden die Aufnahmen nun das Publikum ab, oder finden sich die Bilder in den Umstehenden wieder; die Frage an sich ist bereits in ihrer Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma, in dem sich unser Besucher wiederfindet, zur Nebensache geworden. (About people: Dreher, Voigt, Fischer, Müller-Sieslak; Fotografie, Galerie Station, Frankfurt-Bornheim)[24.03.2002] Ich sitze in der S-Bahn in Richtung Innenstadt. An der Galluswarte sehe ich mit Schrecken eine Klasse von Grundschulkindern auf dem Bahnsteig warten. Klar, die Schulklasse strömt in meinen Waggon, die Umgebung mitsamt aller in ihr befindlichen Personen assimilierend, in lustiger Braanscher Bewegung im Spiel durcheinanderwuselnd. Es waren nette Kinder, und ich bemerkte sie kaum. Denn diese Kinder führten etwas schreckliches mit sich. Ein sie beaufsichtigender Lehrkörper, bestehend aus zwei weiblichen Personen, ältlich, scheisse angezogen und nicht sympathisch, die sich vom einen Ende des Waggons zum anderen Befehle und Erziehungsratschläge zuschreien. Die Kinder ankeifend, sie sollen von der dem Bahnsteig entgegengesetzt gelegenen Tür wegbleiben usw., versetzen sie sämtliche übrigen Passagiere in einen blitzschlagartig eintretenden Schockzustand. Gesellschaftliche Schranken fallen, Jung und Alt, bar jeglicher nationaler Zugehörigkeit und beiderlei Geschlechts schaut sich entsetzt und mit angsvoll aufgerissenen Augen an, in eine Umwelt zurückversetzt, die man so lange schon vergessen glaubte. Die Kinder waren überraschend brav, von sich aus entzückend im Spiel und ohne die Aufsicht weiter zu beachten. Die Lehrerinnen schrien weiter, sie schrien sich quer durch den Raum weitere Nicht-Informationen bis hin zum Kochrezept zu, den Pendlern die Freude am Buch und die Lust am Gespäch nehmend; eine quälende Hoffnung schien den Raum zu erfüllen: Sind wir bald an der Hauptwache. In meinem Kopf drehten sich die Schmähungen, die ich der mir zugewandten Lehrperson, die mir ins Ohr brüllte, an den Kopf werfen wollte; ich drehte meine Gedanken und drehte und wand mich und kotzte Blut und irgendwann wurden wir erlöst von diesem traumatisierenden Kollektivsubjekt einer Lehrkörperteilmenge auf Exkursion in den unschuldigen Mitteln des öffentlichen Personennahverkehrs, als uns die sich öffnenden Türen in die friedvolle Heterogenität der Hauptwache spülte.[23.03.2002] Gegen Mittag kam ich auf dem Heimweg vom Flohmarkt am Mainufer mehr oder weniger zufällig am Helium vorbei und beschloss spontan, einen Kaffee zu trinken, was ich auch tat. An der Theke, an der ich mein Getränk zu mir nahm, stand, ein paar Meter entfernt, Hamlet. Genau, DER Hamlet. Er war braungebrannt, trug ein weisses Hemd und einen dunklen Anzug, trank Bier und redete auf den Barmann ein. Ich machte ein Foto und nahm das Ambiente in mich auf. Plötzlich drehte er sich mit seinem ganzen Körper zu mir um, fixierte mich und begann zu lächeln. Ich lächelte zurück, darüber sinnierend, ob er mich wiedererkannt haben könnte; ich hatte, vor Jahren, zwei oder drei Mal mit ihm geredet, einmal an einem Sonntagnachmittag im Holzhausenpark, ein anderes Mal ind der B-to-B-Bar in der Kaiserhofstraße, nach ihrer Besitzererin, einer früheren Edelprostituierten, auch Bei Biggi genannt, wo wir uns irgendwann an einem späten Nachmittag betrunken hatten. In dieser Stellung verharrten wir ein paar Minuten, dann kam er zu mir herüber. Er begann einen Vortrag zu halten und konstatierte, wir seinen die Guten, die anderen seien die Bösen, auf einen blassen Jungen deutend, der sich gerade neben uns an die Bar gesetzt hatte. Wir beide lassen uns nicht verbiegen, und im Übrigen schreibe er gerade an einem zweiten Buch. Ich fragte, warum er denn einen Anzug trüge. Er antwortete, weil er besoffen sei, und lachte. Ich wollte wissen, ob schon oder immer noch, und er benannte mir Letzteres. Er hätte wieder angefangen mit dem ganzen Alkohol und dem Koks. Und heute Abend liefe Heat mit Robert de Niro im Fernsehen, da sagt der den Satz: Häng Dich an nichts, was Du nicht innerhalb von dreissig Sekunden wieder vergessen kannst. Plötzlich fing er an zu weinen, aber es gelang mir irgendwie, eine Bemerkung zu machen, die ihn wieder zum Lachen brachte. Er wollte mich zu einem Bier einladen, aber ich musste gehen, da ich noch eine Verabredung hatte. Als ich ging, sprach er wieder mit dem Barkeeper. Auf dem Weg nach Hause war mir irgendwie komisch zumute. Peter Kuper, genannt Hamlet, ist heute 65 Jahre alt.[17.03.2002] Grüneburgweg, Ecke Oberlindau. Ich fahre die Oberlindau gegen die Einbahnstraße, mit dem Rad. Ein tiefes, agressiv blubberndes Geräusch nähert sich, sehr laut. Ein blauschwarzer, offener TVR biegt um die Ecke, irgend ein Mensch mit seiner Tussi darin. "Angeber!" brülle ich, als ich im Fahrer aus dem Augenwinkel einen alten Bekannten. Er hält, beide steigen aus, ich lehne mein Bike an einen der Poller, die einen im Dunklen so gerne vom Rade fangen, sie entfernt sich, die Männer markieren das Revier. Die Frau hat drei Stunden zuvor ihre Scheckkarte im Überweisungsautomaten vergessen; natürlich ist sie nicht mehr da. Gebraucht gekauft hätte er ihn, 285er Maschine, eine Eigenentwicklung, aber die Karosserie sei aus irgendwas. Der Krümmer defekt, aber auch mit dichtem würde der Wagen gut klingen. Letztens hätte er einen anderen getroffen, den ich doch sicher noch kennen würde, er würde nun auch eine gehobene Position bei einem großen Werbeunternehmen bekleiden. i8ch sagte es nicht, aber den hielt ich damals schon für einen dummen Bauern, gesehen habe ich ihn nie wieder und vermisst noch weniger. Der TVR-Fahrer ist ein früherer Kollege, der sich irgendwann einmal mit einer ziemlich cleveren Idee selbstständig gemacht hat. Die Dame stellt sich vor, man unterhält sich, ob das Haus mit der Bank jetzt der Oberlindau zuzuordnen sei oder dem Grüneburgweg. Ich verweise mehrfach auf den Grüneburgweg und jene Bekannte, die über der Bank wohnen. Man scheint mir zu glauben, die Hausnummer wusste ich nicht, aber nachschauen will auch niemand. 71 ist es, denke ich. Man blubbert von dannen, an der Wolfsgangstraße wird ein silberner Kleinwagen abgeschleppt. Im Poelzigbau spiegelt sich ewas, was unmöglich die Sonne sein kann, als ich in der Fürstenberger ankomme, habe ich es bereits vergessen.[15.03.2002] Die exponentielle Ausbreitung einer bestimten Sorte Frauenschuhgeschäfte auf der Berger Straße macht Angst. Die Auslagen voller abnorm übergestalteter Entengebilde, die nicht nur seit rund zwei Jahren den charakteristischen, watschelnden Gang der weiblichen Welt formt und prägt, sondern auch das Auge des Ästheten aufs offensichtlichste beleidigt. Sohlen, die nach hinten die Ferse zu verlängern scheinen, quer zum Spann abgehacktes Schuhwerk, das den Fuß vor dem imaginären Auge ins Unendliche zu verlängern scheint, wenn nicht phallisch-konkret in säbelartigen, meterlangen Spitzen neo-westindischer Schnabelschuhe erigierend, schleim- und kotfarbene Lacklederdessins mit albernen Längsstreifen die Schuhmode scheint sich farblich an den Kacheln der Konstabler Wache, B-Ebene, zu orientieren , Absätze, die zum Boden hin breiter werden, statt sich und die Trägerin zu verschlanken all das erschlägt den Flaneur aufs rücksichtsloseste, sich ihm von links und rechts obszön aus den Schaufenstern entgegenreckend. Es ist das Verhängnis der Mode, dass der Formwille vom Pöbel erst erkannt und angenommen wird, wenn er maßlos in sich übertrieben und von unedlem Material aus den Verkaufsräumen schreit. \ "Vom ethischen Gesichtspunkt ist das Störende im Mythos gerade, dass seine Form motiviert ist. ... Das Widerwärtige im Mythos ist seine Zuflucht zu einer falschen Natur, ist der Luxus der bedeutungsvollen Formen, wie bei jenen Objekten, die ihre Nützlichkeit durch einen äußeren Schein dekorieren. Der Wille, die Bedeutung durch die ganze Bürgschaft der Natur schwerer zu machen, ruft eine Art von Ekel hervor: der Mythos ist zu reich, und gerade seine Motivierung ist zuviel an ihm." (Roland Barthes, 1957) \ Untersuchen wir dieses Axiom nun ein wenig genauer. Rein semiologisch hätte Magritte seine helle Freude an den Entengebilden gehabt, die da sagen: "Ich bin kein Schuh". Worauf begründet sich nun der Mythos der aktuellen Damenschuhmode? Einerseits haben wir ein Benennedes, ein Stück Werk mit dem Zweck, den Fuß zu wärmen und ihm, losgelöst von der jeweiligen Beschaffenheit des Untergrunds, eine sichere und bequeme Grundlage des Gehens zu gewährleisten. Andererseits haben wir ein Benanntes, das in erster Linie durch das bewusste und gewollte Vorhandensein von Gestalt ausgedrückt wird. Daraus leitet sich ein bestimmtes Anderssein ab, das die Trägerin, unter der Annahme des Andersseins als einer besonderen Form von Schönsein, auf sich überträgt. Unter einer bewussten Missachtung der tatsächlichen ästhetischen Zusammenhänge und Bewertungsgrundlagen bildet das Individuum im Widerspruch seiner kollektiven Individualität eine bestimmte Meinung bzw. Attitüde, die zu Verhaltensmustern wie dem Kauf weiterer, fürchterlich entstalteter Schuhe und dem aggressiven Zurschaustelllen derselben in der Öffentlichkeit führt, letzteres bevorzugt in kleineren Grüppchen Gleichgesinnter gleichen Geschlechts. Das Entengebilde kann nun durch seine gefühlsmäßig-unreflektierte Verankerung im kollektiven Wahn das Verhalten einer größeren Zahl von Menschen wesentlich stärker koordinieren und festigen als eine intellektuelle Erkenntnis auf Basis der vohandenen, historischen Maßstäbe des ästhetischen Grundempfindens. Es liegt nun zum Glück im in sich zyklischen Wesen der Mode begründet, dass auch diese wieder verschwinden wird. Schon Goethe wusste vorauszusagen: "Da die Gegenstände durch die Ansichten der Menschen erst aus dem Nichts hervorgehoben werden, so kehren sie, wenn sich die Ansichten verlieren, auch wieder in's Nichts zurück: ..." \ Nachtrag; 05. April 2002: In "szenigeren" Kreisen pflegt man widerum einen ganz anderen Kleidungsstil, der sich gewissermassen direkt aus der Meta-Mülltonne der Mode zur Avantgarde erhoben hat, einer Avantgarde, die sich durch eine Retrospektive abbildet; definiert, wäre zu viel versprochen. Das Damenhafte wird verwoben mit dem Kloben: Zierlichen Riemchensandaletten aus Lackleder-Krankenhausdessin erwachsen brutale, brikettförmige Fronten und breite Absätze. Wichtig ist auch, dass der Schuh grundsätzlich zwei bis drei Nummern größer gekauft und getragen wird, da Frau ja auch durch sich selbst kommt und es nicht nötig hat, mit natürlichen Reizen zu kokettieren. Wahre Schönheit kommt sowieso von innen und wird durch hässliches Schuhwerk sogar noch unterstützt. [11.03.2002] Orban und die drei Zwillinge spielen ganz entzückend merkwürdige Musik mit einer munter polarisierenden Wirkung auf den Teil der Zuhörerschaft, der nicht wegen des gelebten Kunstanspruchs (aktiv/passiv oder Switcher) erschienen war, sondern aus Neugier und dem Verlangen nach nicht zielgerichtetem Gespräch und einem konsequent nicht endenden und sich in seiner permanenten Veränderung nicht minder konsequent nicht ändernden Vortrag. Man glaubt vieles zu erkennen, man beginnt, die Ursprünge und die Zitate miteinander zu verknüpfen, war das jetzt der eine oder war es der andere, der den einen dann wieder dirigiert hatte oder umgekehrt und jetzt ist es aber sehr skandinavisch da muss man doch mal fragen was das ist aber die Jahreszeiten sind viel netter und die Bilder verflüchtigten und verdichten sich in schier endloser, alkoholbefeuerter Peristaltik, ihre Klimax im Hubschrauberflug der Wahnsinnigen auf den Strand zu mit der fürchterlich deutschen Musik erlebend aber Orff ist besser und das sind ja ganz komische Leute hier heute Abend spielen die anderen das eigentlich selbst oder kommt das von Schallplatte ja ich will ja[10.03.2002] Der Unterschied zwischen einer Metropole und einer Metropole in Ausbildung ist das Vorhandensein von Goldfingern in Funktion einer ganz normalen Kneipe, in der man sein Bier trinkt, weil man es dazu gerade mal ein bisschen plüschiger haben möchte. In London oder Berlin trinkt man also in plüschiger Umgebung bei plüschiger Musik ein plüschiges Bier, weil einem das in diesem Moment so ein angenehm plüschiges Gefühl gibt weshalb man eben heute da hingeht und nicht woanders. In Frankfurt hingegen nimmt man eine Bar, in der ansonsten engagierte Frauen auf samtbezogenen Tischen mit rundumlaufender Kotzrinne tanzen und macht daraus ein temporäres Event. Zum Wesen eines Events gehört allerdings, dass in dieser temporär zweckentfremdeten, eigenplüschigen Umgebung vollkommen unplüschige Musik aus einem Laptop läuft und/oder eine spezielle Performance vorgetragen wird, doch dazu später mehr. Die Stimmung ist die eines Wartesaals. Die Anwesenden scheinen alle auf irgend etwas zu warten, was doch nie kommen wird. Dadurch wird Kommunikation an sich bereits ausgeschlossen, da sie das aktive Warten unterbinden würde. Man schaut erwartungsvoll in Richtung Tür oder auch mal in den Raum, doch auch die Neuankömmlinge gehen übergangslos in den Wartenden auf, werden von der Situation vollkommen assimiliert. Der eine oder andere ist über diese verlängerte Adoleszenz des Wartenden erhaben, spricht kurz mit seinesgleichen (Diederichsen prägte 1985 der Begriff der "Großfreunde", ein Prinzip, das durchaus auch auf das Verhalten von Kunstschaffenden im Freigang anzuwenden ist) und entzieht sich schnell wieder dem Moment, sofern noch nicht die Grenze überschritten ist, die den Wartesaal in Plüsch wieder seiner eigentlichen Intention zurückführt: der einer urbanen Tränke mit den qualitativ unschlagbaren Argumenten: Es ist laut, es sind Menschen, es gibt Bier. Später wird die Zusammensetzung des Publikums kippen: mehr und mehr Menschen werden sich in somnambulen Akten einer auf intellektueller Ebene im nachhinein nicht reproduzierbaren Verbrüderung sinnlos betrinken, die einen, weil sie dazu gekommen sind, die anderen, weil sie beim Warten zu den einen geworden sind. Die Musik ist elektronisch; klar, wie soll sie sonst sein, wenn sie aus einem Laptop kommt? Auf gar keinen Fall plüschig. Das gehört zum Konzept. Ein Mensch mit wirrem Haar, überdimensionierter Sonnenbrille und auffälligem Verhalten führt eine mehr oder weniger exotische kleine Trommel bei sich, auf die er ab und zu unvermitttelt und bar jeglichen Rhythmusgefühls einschlägt, um ebenso unvermittelt wieder damit aufzuhören, der eine oder andere Gast verhält sich konform und tut es ihm gleich. Gehört die geschmackliche Provokation dieser Erscheinung zum Konzept? Sind die Betreiber dieses sich selbst auferlegten Prinzips des subkulturellen Wartesaals bereits so überdrüssig, dass sie diesen Trick anwenden, um das Publikum zum eigenmächtigen Aufgehen in der Situation zu motivieren? Jemand könnte doch endlich die Trommel ergreifen und damit auf den Sonnenbebrillten einschlagen! Nein, der Chef kommt irgendwann und nimmt dem Wesen das Schlagwerk weg, um von diesem darauf hin zum hinteren Teil der Räumlichkeiten verfolgt zu werden. Der Vorgang entzieht sich der Wahrnehmung der Beobachter, die sich den Wartenden um sie herum insoweit angepasst haben, dass inzwischen auch sie nur noch darauf warten, dass irgend etwas passieren möge. Doch es kam schlimmer. Plötzlich und unangekündigt bemüht sich eine weibliche Stimme zu erheben, die leise und unter heftigem Rückkopplungskreischen der erbarmenswert missbrauchten Technik anfängt, einen Text zu rezitieren. Das Wort "Schwanz" kann erkannt werden, mehrmals, eine zerhackte Geschichte baut sich auf, um ebenso plötzlich wieder in heftiges elektronisches Geräusch überzugehen, beides im folgenden mehrmaligen Wechsel. Nein, die Geschichte ist nicht wirklich gut, nicht einmal ansatzweise interessant; zerrissene Eindrücke, die den Zuhörer fragen machen, was ist diesem Menschen nur in seinem Leben zugestoßen. Es ist so schlecht, dass ein wie auch immer gearteter Kunstanspruch selbst mit größtem Wohlwollen nicht abgeleitet werden kann. Die Frau, bewehrt mit dunkler Sonnenbrille und einer Schirmmütze, liest aus einem dicken Manuskript, und das ist das eigentlich Erschütternde bei der Sache. Niemand braucht dazu ein Manunskript. Das Publikum reagiert von amüsiert bis genervt, die Klasse der Erhabenen unterhält sich derweil weiter, die Performance einfach ignorierend. Die Vermutung drängt sich auf, dass die dilettantisch und mit weiteren Schwänzen bemalten Leinwände an den Wänden auch von der tragischen Person stammen könnten, die Frage im Raum unbeantwortet lassend, ob sie zur "normalen" Ausstattung des Lokals gehören oder eigens im Rahmen des Events appliziert wurden, um das Wesen des Lokals im ursprünglichen Sinne in der Übertreibung sichtbar zu machen und im Umgang mit der Frage an sich wieder zu diffundieren. Vielleicht sollte es ja auch einfach nur cool und lustig sein. Es bleiben viele Fragen offen, der Besucher nimmt ihren flüchtigen Eindruck mit auf den Heimweg; die Nachtluft spült die unbefriedigenden Reste des angebrochenen Abends hinweg und abstrahiert diese hegemoniale Problematik des urbanen Zwangs, ein solches Event auf Grund seiner bekannten, zeitlichen Begrenzung einer temporären Institution so intensiv und oft auszukosten, um das schale Gefühl zu betäuben, dass man dazu verdammt ist, in dieser niemals erwachsenen Stadt zu leben. +++ Nachtrag; 16./18. März 2002: Teile der wiedergegebenen Beobachtungen beruhen auf Auszügen von Gesprächen, die innerhalb der beschriebenen Situation stattgefunden haben. Die Frage nach der Motivation ihrer Niederschrift bleibt vorläufig unbeantwortet. \ Habermas prägte 1990, wenn auch nicht in diesem Zusammenhang, einen Begriff der "Zuversicht anderer, die sich des privilegierten Zugangs zum Außeralltäglichen rühmen" \ Hintergrund; Anonymus, 11. März 2002: Die "erotische Kunst" ..., angeblich mit diversen Körperfluidae gemalt, stammt tatsächlich von der die an Uninteressanz kaum zu unterbietenden Texte vorgetragen habenden "Künstlerin" ... dazu angetan, als Finissage die Entfernung der Bilder einzuleiten, was ein seltsamer Mensch ... aber zu verhindern trachtete. Nun hängen sie immer noch. Übrigens fand einst, am Eröffnungsabend ..., die Vernissage nicht wirklich statt, da die "Künstlerin" ... bei Hängung des letzten Bildes vom mangels Leiter zweckentfremdeten Barhocker fiel und sich arg den Schädel am Stein des Bodens aufschlug. ... da die "Künstlerin" ja aufgrund ihrer Inkonvenienz (kapitale Gehirnerschütterung, was den "Normalzustand" der Dame nicht auffällig beeinträchigte) durch Einweisung in ein Krankenhaus auch nicht anwesend gewesen war... ... \ Bewertung; 11. März 2002: Komisch; als wir kamen, was die Frauenquote eigentlich bei 50:50. Klar; viele waren sicher Wesen, die das neue Dings halt als neues Dings gesehen haben musste, um alsbald auf Grund der Dinglichkeit des Dings wie immer teilenttäuscht wieder zu gehen, um auf eine neues Dings zu warten zu Hause. Auf der anderen Seite: Weder die eben beschriebenen, noch die, die übrig geblieben bzw. später hinzugekommenen (das weibliche Uteruspublikum in der entprechenden Uniformierung, kleidungstechnisch wie verhaltensbezogen) konnten mich davon abhalten, mein Heim dem M9 vorzuziehen. Es ist komisch: Irgendwie liegen in Frankfurt JAHRE zwischen den Vorhandensein derartiger Szene-Aufenthaltsräume; sie tauchen auf dem Nichts auf, um in aller Munde zu sein, verschwinden, und als wäre nie etwas gewesen, tauchen irgendwann neue Räume auf. Sind die Leute dann eigentlich auch neu, bis auf uns? \ Ich meinte ... zu meiner Begleitung, das Konzept wäre ein Franchise-System. Man würde das Event "Plüschbar" in Lizenz übernehmen und die Leute würden auch im Set mitgeliefert. Das ist wahr! \ Nachschlag; Pit Weinflasch, 17. März 2002: wenn das stimmt, ... ist der spielfinger ja nur für leute "interessant und spannend", die studien über das verhalten von menschen anstellen möchten, denen der hipseintrend eindoktriniert hat "habt jetzt spaß, weil sich hier jemand keine mühe gegeben hat, so etwas wie gemütlichkeit zu erzeugen, weil gemütlichkeit gleich spießertum ist, ergo diese hier herrschende ungemütlichkeit die neue revolution gegen den filz in frankfurt ist. wer nicht mitmacht, wählt stoiber!".[08.03.2002] Ich wurde gefragt, ob ich auch demonstrieren würde. Jetzt bin ich aber gar keine Frau. Ausserdem bekenne ich, obszöne Blicke und sexistische Sprüche bereits in Gebrauch gehabt zu haben und ich bin auch nicht geläutert, nein, im Gegenteil, ich persönlich empfinde eine große Befriedigung, wenn ich merke, dass mir Frauen taxierende Blicke oder anerkennende Pfiffe hinterherwerfen, selbst nachts. Dabei schien M. auch gar nicht unempfänglich für die neckischen Blicke und das schelmische Augengezwinkere, mit dem Ivo die ganze Zeit hinter der Theke hantierte, und auch seinen Spruch, dass sie zwar mehr vor der Brust, er aber mehr in den Schultern hätte, wurde nicht etwa angeprangert, sondern steigerte sich gegenüber dem Taxifahrer zu dem Bekenntnis, dass sie ihr Herz in der Guten Stute verloren hätte. Die nette Dame vom 33er Taxiruf meinte allerdings noch zuvor, wenn man mal in ihrem Alter wäre, würde man sich auch nicht mehr verlieben, aber in der Stute wäre sie auch schon gewesen, ein schönes Lokal. Laut Herrn Komljenovic kam das Pferd übrigens schon vor 14 Jahren in die Stute: als Fohlen. Deshalb passte es auch durch die Tür. Das wäre geklärt, wenn auch nicht, ob Peter schöner ist als Martina oder umgekehrt. \ Empfohlen wird, insbesondere am ersten Donnerstag des Monats, ein Besuch in der Guten Stute (Kölner Straße, Frankfurt-Gallus). Gastgeber ist Ivo: ein Jugoslave bar jeglichen Alters. Wenig Haare, noch weniger Zähne (inzwischen hat er wieder welche) und ein deutscher Grundwortschatz, der zum Unterhalt der beengten Kellerkneipe mit von der Decke hängenden Kettenkarussellsitzen anstelle von Barhockern und einem großen, ausgestopften, parallel zur Theke aufgestellten Pferd, das auf das Kommando einer Lichtschranke an der Eingangstür zu wiehern beginnt, ausreicht. Ivo ist nicht nur einer der charmantesten Männer Frankfurts sondern hat darüber hinaus ein phänomenales Gedächtnis, was die Mengen an Getränk, die von seinen Gästen konsumiert werden angeht. Man geht also, wenn man ausreichend voll ist oder darüber, zum Tresen und sagt: Ivo, ich möchte zahlen und wird mit einem ernsten Blick bedacht: Mein Sohn, was hast Du denn getrunken? und Du wirst antworten: Ach ja, Bier für 25 Euro, glaube ich! und Ivo wird antworten: Nein, mein Sohn, das kann nicht sein; das ist zuviel! Gib mir 19, hier sind 20, Trinkgeld, danke! und zum Abschied eine spezielle Mischung in einem kleinen Erlenmeier-Kolben ausschenken.[13.02.2002] Bei einem Spaziergang durch die Bockenheimer Landstraße wurde ich Zeuge eines der traurigsten Momente der Frankfurter Nachkriegsgeschichte. Ein riesiger Bagger, bedrohlich auf der Schräge eines enormen Schutthaufens thronend, machte mit seiner hydraulischen Zange, deren Schneiden die Größe eines Menschen haben konnten, dem Rest des Zürichhauses an der Alten Oper den Garaus, sich von oben durch das erbarmenswürdige Skelett der leeren ersten Etage durchfressend. Trotz des Nieselregens spritzte ein Bauarbeiter von einer Hebebühne ununterbrochen einen Wasserstrahl auf die Ruine; Passanten sind stehengeblieben, diskutieren eine merkwürdige Stimmung hatte die Straße erfasst, ich habe keinen Verkehr mehr wahrgenommen. Viele Stunden später, als ich durch die Seitenstraßen der Fressgass irrte begegnete mir der Hamlet; ja, er lebt, erstaunlich, immer noch. Erstaunlich? Beängstigend auf alle Fälle im Zusammenhang, denn just in dem Moment, als das Zürichhhaus in seinen letzten Zügen lag und unter der Last der Kralle stöhnte, ist mir ein Fragment seines Berichts in den Sinn gekommen: Dann hat der Siegfried gesagt, "ich geb euch schon mal tausend, das sind schon mal vierhundert Mark." Da haben die still gehalten, und er hat gesagt, " ich weiss nicht, wie wollen wir es machen, ich habe ein Appartement, wo wohnt ihr denn?" ... "Also ich bin nicht fürs Hotel, Geld spielt bei mir keine Rolle, wir können auch zu mir gehen." Wir sind vorgefahren. Im Zürichhochhaus hatte er im letzten Stockwerk ein Appartement gehabt mit allerfeinsten Spannwänden, Teppichboden, einer kleinen Küche, ein Riesenregal Flaschen. ... "Na los, Mädels, auf die Wiese", er hat plötzlich das Bett aufgeklappt, der konnte das dreimal verlängern, dann war fast das ganze Zimmer ein Bett. (Peter Kuper, Hamlet, März Verlag 1980) Nicht nur deshalb ist es anprangerungswürdig, dass Frankfurt seit heute um eine wundervolle architektonische Facette ärmer geworden ist. Na ja; dafür bekommen wir ja auch jetzt ein neues Polizeipräsidium. ("Wer möchte noch einen Schnaps?" Alfred Kalmbacher, 2001)[11.02.2002] Drei kleine Frauen, die sich riesige Instrumente umhängen, welche sie definitiv nicht bedienen können und penetrant mit sich pubertär überschlagenden Stimmen zwischen den Liedern auf peinliche Art versuchen, "cool" zu sein, produzieren eine etwas altmodische Art von Punkrock, der immer mehr nach Proberaum klingt als nach irgendetwas anderem; auch der Umstand, dass mit Fortschreiten des Vortrags die Lautstärke exponentiell zunimmt, tut seinen Teil bei. Rein soziodingenskirchenstechnisch ist das Prinzip "Mädchenband, lokalen Ursprungs" sowieso eine ganz schlimme Sache. Die Tussen wirken in erster Linie wie die hauptsächlichen Tussen irgendwelcher Macker, die sich deren erweitertem sowie ihren ureigensten Freundeskreisen als Kuriosität zur Schau stellen un dafür eine Mischung aus höflichem Pflichtapplaus und gönnerhafter Macho-Sympathie ernten. In irgendeiner Form auch nicht weit vom "Elternabend in der Jugendmusikschule" entfernt, im heutigen Kontext aber eher vom obszönen Exhibitionismus einer "Vorführung des Materials".[09.01.2002] Vorgestern wurde der Film "Taxi Driver" mit Robert de Niro im Fernsehen gezeigt. Dabei fiel mir ein, dass ich Anfang der Neunziger einmal mit einem Freund in Berlin war; ich weiss nicht mehr, bei wem und warum, aber eines Abends beschlossen wir, zu einem Jugendzentrum im damals neueröffneten Ostteil der Stadt zu fahren, da wir in einem Stadtmagazin gelesen hatten, dass der Film dort liefe. Es war ein sehr merkwürdiges Kinoerlebnis. Man kam ein Treppenhaus hinauf, eine Glastür ging nach rechts, und da stand, in einer Art Klassenzimmer, ein kleiner Projektor und, am anderen Ende des Raums, eine Leinwand. Dort wurde der angekündigte Film vorgeführt, das technische Equipment zwar bescheiden, doch an und für sich akzeptabel. Man hörte allerdings so gut wie keinen Ton und es flimmerte stärker als gewohnt, doch daran war nicht etwa ein Defekt in der technischen Ausstattung schuld. Das hatte einen genzüberschreitenden Grund. Auf der anderen Seite der Glastür fand zur gleichen Zeit eine Technoveranstaltung statt, ein unglaublich lauter Krach, der nur unmerklich durch die Glastür gedämpft wurde, illuminiert durch eine adäquate Lichtausstattung: ein einziges konstant schnell blitzendes Stroboskop, das jenes asynchrone Flimmern verursachte. Wir haben den Film dann in der Annahme, an einem besonderen Ereignis teilzuhaben, bis zum Schluss angeschaut; wir kannten ihn zum Glück beide schon.Symptom
29.12.2002